Maßgebliche Einsamkeit – Die Wunde

Ungeliebte meinen sich von aller Welt verlassen. Dass sie sich selber verlassen, wissen sie nicht. Diese beiden Sätze zeigen, dass die Verhaftung am Familienschicksal und die Blockierung der Selbstliebe in die Verlassenheit führt, in die gleiche Verlassenheit, welche die Ungeliebten schon in der Kindheit gequält hatte.

Sobald sie begreifen, dass der springende Punkt nicht im Verlassen werden durch andere, sondern in der Selbstverlassenheit, in der Absonderung vom eigenen Wesen liegt, fangen sie an, die Blickrichtung zu ändern. Sie schauen mehr nach innen als nach außen, und begnügen sich damit, die Hindernisse zur Selbstliebe und Selbstheilung aus dem Weg zu räumen. Nicht mehr nach außen fixiert, sondern nach innen orientiert, empfinden sie weniger Druck von außen als Drang von innen. Sie suchen nicht mehr fremde Quellen, sondern werden zur eigenen Quelle ihrer Lebendigkeit. Sie erleben die Einsamkeit nicht mehr als Verlassenheit, sondern als Ursprung ihrer Liebesfähigkeit.

„Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängnis“

Menschen, die es mit sich nicht aushalten und in Antriebsarmut und Unruhe fallen, sobald sie alleine sind, Menschen also, die sich nicht genug mögen, um sich in einer Gesellschaft wohlzufühlen, sind Gefangene der eigenen Selbstlieblosigkeit. Unstet schweifen sie in der Welt umher, auf der Suche nach einem, der den Schlüssel hat, ihr Gefängnis von außen zu öffnen. Doch die Tür des Gefängnisses lässt sich nur von innen öffnen, und sie selber sind der Schlüssel dazu. Die Befreiung aus der Verhaftung im ICH hat seinen Anfang in der Selbstliebe.

Der Weg zur wesentlichen Einsamkeit führt immer über das Leiden an der Isolierung und Verlassenheit. Dieses bleibt keinem Menschen ganz erspart. Es ist ein notwendiges Leiden des Wachstums: „Nur was weh tut, beginnt sich zu suchen“.

Entweder führen unglückliche Lebensumstände real zu früher Verlassenheit, – oder aber das Gefühl, nicht verstanden, nicht angenommen, nicht geliebt zu sein, entsteht ganz natürlich in den notwendigen Ablösungsphasen des Lebens.

Die Wunde der Ungeliebten

Wir erkennen den Ungeliebten daran, dass er da, wo er sich nicht kennt und liebt, in anderen Menschen spiegelt – indem er andere widerspiegelt – und auch sich selbst – bemühte er sich zu lernen, wie man fühlt, wie man Emotionen hat.

Der Ungeliebte sucht unablässig in allen Menschen, denen er nahe kommt, die Mutter, deren Augen Liebe für ihn widerspiegeln sollen. Daraus entstehen affektive Abhängigkeit und Unfähigkeit, einen Partner als anderen zu sehen und zu spüren.

Die Wunde der Ungeliebten äußert sich im schmerzlichen Gefühl, nicht geliebt, sondern ausgestoßen zu werden.

Dieses Gefühl ist in Bezug auf die aktuelle Lebenssituation jedoch oft unrealistisch: Ungeliebte – in der psychologischen Bedeutung, die ich diesem Wort gebe – werden in der Gegenwart oft nicht weniger als andere Menschen geliebt und angenommen. Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, ob schon die Realität dagegen spricht, weist, solange es andauert, auf die Gefühlstatsache hin, selber nicht lieben zu können.

Ungeliebte verlieren leichter als andere das Beziehungsbewusstsein. Die älteste aller seelischen Wunden – nicht geliebt zu sein – kann wieder und wieder aufbrechen. In der offenen Wunde der Depression, wird die affektive Beziehungslosigkeit zum Dauerzustand.

„Manchmal stürze ich wieder ab in tiefe Schlammlöcher der Verzweiflung und habe alle Mühe, dort wieder rauszukommen“

Isolieren wir uns von den anderen in Erinnerung an früh erlittene Kränkung, erleben wir die Außenwelt als unerträglichen Druck, der unserem Drang nach dem Leben entgegenwirkt. Statt auf der erotischen Spur die Berührung zu suchen, verfolgen wir die tief eingefressene traumatische Spur der Selbstverlassenheit und Selbstunliebe. Unsere Einsamkeit ist unfruchtbar, weil sie sich gegen die Liebe abschirmt.

Das, wogegen wir uns am heftigsten sträuben, hält oft das größte Glück bereit; zu viel Angst ist in unserem Klammern. Sobald wir es jedoch innerlich freigeben, befreit sich auch unser Genuss.

Ein Satz, ausgesprochen von einem Sufi-Meister: „Nichts oder Alles – Du musst nichts oder das ganze Leben ändern.“

(Auszug aus dem Buch: „Die Wunde der Ungeliebten“ – Peter Schellenbaum)

Marita Schroeder – The Future Force