Veni, vidi, violini – ich kam, sah und vergeigte – nicht!

Die Geschichte des Tormanns (J.Kirschner)
Die Geschichte beginnt in dem Augenblick, in dem der Schiedsrichter nach einem Foul pfeift und auf den Elfmeterpunkt zeigt. Von jetzt an sind für einige Minuten 20 Spieler aus dem Match ausgeschlossen. Alle Augen richten sich auf den Schützen und den gegnerischen Tormann.

Wenn der Torschuss gelingt, wird der Kommentator im Fernsehen meistens sagen: »Der Schuss war unhaltbar. Der Tormann hatte keine Chance. Wahrscheinlich aber hatte der Tormann nur deshalb keine Chance, weil er genauso dachte, wie der ahnungslose Fernseh-Kommentator.
Wenn beide ihre Vernunft benützten um das Elfmeter-Phänomen gründlich zu analysieren, kämen sie vermutlich zu dem Schluss, dass der Tormann immer eine Chance hat, einen Elfmeterball zu erwischen. Immer. Und zwar aus folgenden fünf Gründen:

Erstens:
Wenn der Ball den Schuh des Schützen verlässt, fliegt er elf Meter weit auf das Tor zu. Nichts kann mehr seine Richtung verändern.

Zweitens:
Weil ein routinierter Schütze das weiß, nützt er seine Chance in den Augenblicken vor dem Abschuss: Er versucht, den Tormann durch Körpertäuschung in die Irre zu führen.

Drittens:
Wenn der Tormann seinen Blick auf den anlaufenden Schützen fixiert, um vorherzusehen, wohin er den Ball treten wird, konzentriert er sich zwar auf den Mann, aber nicht auf den Ball. Das runde Leder fliegt inzwischen elf Meter weit. Wenn der Tormann nun versucht, die Konzentration vom Schützen auf den Ball umzulenken, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er es in der kurzen Zeit nicht mehr schafft. Meistens wirft er dann seinen Körper dorthin, wo ihn der Schütze durch seine Täuschung hingelockt hat.

Viertens:
Ganz anders sieht es aus, wenn der Tormann sich von Anfang an auf nichts anderes konzentriert als auf den Ball. Wobei er den Schützen völlig unbeachtet lässt. 
Der Tormann denkt also nicht: „Der Schütze läuft von links nach rechts an. Er wird den Ball vermutlich auf meine rechte Seite schießen.“
Er denkt überhaupt nicht. Schon gar nicht denkt er daran, was der
Schütze denken könnte. 
Denn – und das gilt für den Einsatz von Vernunft, Emotion oder Instinkt ganz allgemein – der Elfmeter-Schuss vollzieht sich so blitzschnell, dass sich der Tormann einzig und allein auf seinen Instinkt verlassen muss.

Fünftes:
Wenn er sich also ganz auf den Ball konzentriert und sowohl das Denken als auch die Angst vor dem Versagen ausschalten kann, wird das eintreten, was man „Der Tormann ist eins mit dem Ball.“ 
nennt. Nichts stört ihn. Kein Manöver des Schützen, keine Spekulation, kein Gefühl. Er sieht nicht, er hört nicht, er denkt nicht. Er ist eins mit dem Ball und fliegt mit ihm dorthin, wo er das Tor erreicht.

„Konzentration ist die Fähigkeit, absolut nicht zu denken,
wenn es absolut notwendig ist.“

– Marita Schroeder – The Future Force