Leitbildspiegelung – wenn Liebe uns bewegt

Lernen durch Leitbildspiegelung.
Das heißt, dass der Partner zu einem Leitbild wird, das mir meine bisher
nicht bewussten Möglichkeiten spiegelt. 

Ich glaube, dass Liebe ohne gegenseitige Leitbildspiegelung auf Dauer
nicht möglich ist, denn nach den Phasen der ersten Verliebtheit und
der zunehmend auch negativen Projektionen haben sie eigentlich
nur die Wahl, ihre Liebe absterben zu lassen oder die gegenseitige
Leitbildspiegelung zu lernen.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass es sich bei der Leitbildspiegelung
nicht um die äußerliche Nachahmung eines unpassenden Vorbildes
handelt. Solange Sie sich selbst frei und schöpferisch fühlen, sind
Sie der Versuchung zur bloßen Anpassung und Nachahmung nicht
zum Opfer gefallen.
Doch ist in diesem Punkt wache Vorsicht geboten.
Die Grenze zwischen Anpassung und Leitbildspiegelung ist
nie völlig eindeutig zu ziehen, eben so wenig wie die Grenze
zwischen Abwehrmechanismus und Leitbildspiegelung.

Das Leitbild, das Sie im Partner sehen, ist für Sie ein symbolisches Bild,
das heißt, es entspricht nicht photographisch genau der Realität des anderen. Dieser
bleibt für Sie geheimnisvoll. Sie merken dies daran, dass er Ihnen ein Leben lang Rätsel aufgibt. Und doch berühren Sie in Ihrer Leitbildspiegelung etwas Wahres in ihm. Das merken Sie an der neuen Gefühlsschwingung, die zwischen Ihnen beiden entsteht, wenn Sie
die Leitbildspiegelung üben.

Im Gegensatz zur Projektion geschieht die Leitbildspiegelung bewusst.
Natürlich bleibt in jeder Beziehung jederzeit viel Unerklärliches und Beunruhigendes: Neue Projektionen tauchen auf und geben Ihrer Partnerschaft Salz und Pfeffer. Doch deren eigentliche Entwicklung geschieht in der gegenseitigen Leitbildspiegelung.
In eben dem Augenblick, da Sie in einer kleinen körperlichen oder seelischen Bewegung Ihres Partners – etwa in einer flexiblen Kehrtwendung bei einem Streitgespräch – etwas wahrnehmen, was Sie bisher noch nicht aus sich heraus entwickelt haben, nehmen Sie diese Bewegung in Ihr Lebensmuster auf; auch Sie werden zum Beispiel flexibler. Dies bereichert Ihr Leben um ein neues Motiv.
Obschon die Leitbildspiegelung in der Partnerschaft ein bewusster Vorgang ist, bedeutet sie doch keine jederzeit abrufbare Methode. Denn nicht sie ist Ursprung der Liebe; sie fördert bloß deren Verwurzelung und Entfaltung.

Wenn diese eine kleine Gebärde Ihrer Partners, diese bestimmte Bewegung, diese Tönung seiner Stimme, diese Berührung oder Überlegung Sie nicht im Kern Ihrer Seele trifft und ergreift, sind Sie nicht zur Leitbildspiegelung, zur Umwandlung der äußeren Bewegung in inneres Leben motiviert.

„Denn die Leitbildspiegelung kann auch ein schwieriger, schmerzhafter
Prozess sein. Wenn wir z.B. seit zwanzig Jahren dank unserer Pedanterie
und egozentrischen Sturheit Karriere machen, wird es uns nicht
leichtfallen, die Lässigkeit des Partners, die wir je nach Situation als Schludrigkeit ablehnen oder als Lockerheit bewundern, auch in unser eigenes Lebensmuster
einzuweben. Meist müssen wir von den Lebensumständen, etwa in einer
ernsthaften Krise in der Partnerschaft, 
arg durcheinander gebracht werden,
bis wir uns dazu entschließen.“ (Schellenbaum 1986)

Und sogar dann tun wir es bloß, wenn Liebe uns bewegt.

Leibildpsiegelung* meint das zum selbststimmigen Entwickeln schon angelegter schlummernder Fähigkeiten und Fertigkeiten, die bei einem anderen Menschen wahrgenommen werden. Diese Beziehungsdynamik ist für Entwicklung und Lernen die aus meiner Sicht tiefgreifendste und bedeutsamste Erfahrung.