Vom ICH zum WIR

Eine neue Form des Bewusstseins.

In spirituellen Kreisen, auf Blogs und in Foren hört man einen Satz sehr häufig: “WIR SIND ALLE EINS”. Diesen Satz kann man auch als das “Wir-Bewusstsein” bezeichnen. Es bedeutet, dass alle Menschen und alle anderen Wesen unseres Universums aus EINER Quelle stammen und der Sinn des Lebens darin besteht, durch Erfahrungen und Wirrnisse hindurch diese Einheit wieder zu erreichen und mit ihr zu verschmelzen. Doch fühlen wir diesen Satz wirklich? Sind wir “Alle eins”? und das tun, wozu unsere Seele und unser Herz uns auffordern. Mit Ich-Bewusstsein meine ich nicht das Ego, – ein Mensch, der dem Ego verhaftet ist, besitzt das Bedürfnis, sich von anderen Menschen abzugrenzen und etwas darzustellen. Er hat ein gebrochenes Verhältnis zu seiner eigenen Identität und fühlt sich der Gemeinschaft der Menschen nicht wirklich zugehörig.

Ich-Bewusstsein ist kein Kampf

Und doch bedeutet auch das Ego einen Fortschritt im menschlichen Entwicklungsprozess. Wer versucht, sich seiner selbst bewusst zu werden, vermag das anfangs nur, indem er sich in seiner Umwelt und seinen Mitmenschen spiegelt. Er versucht, zu entdecken, wer er ist. Indem er auf eine bestimmte Art und Weise handelt, beobachtet er, wie die Außenwelt darauf reagiert. Ganz allmählich lernt er daraus und erkennt, dass sein Ego im Grunde eine Illusion ist, ein Produkt des Verstandes und keine eigene Wirklichkeit besitzt. Spirituelle Menschen kämpfen oft gegen ihr Ego an. Sie verleugnen sich, sie versuchen “gut” zu sein, hilfsbereit, bescheiden, – und doch lauert hinter jeder Bemühung immer wieder das alte Ego, was nach Anerkennung lechzt, um erneut hervorzubrechen. Es ist ein Irrtum, dass man es abschaffen oder bekämpfen muss, das erzeugt nur Widerstand und damit wird es sich noch mehr aufblähen.

Der Weg zu einem gesunden Ich-Bewusstsein führt nicht über einen Kampf gegen etwas, sondern entsteht ganz automatisch von selbst, wenn wir unsere wahre Identität finden und leben. Wir wissen dann, wer wir sind und fühlen unsere Freiheit, das zu sein, was wir sind. Wir haben unsere Kraft, Schönheit und Einmaligkeit, unseren göttlichen Anteil entdeckt und damit können Abgrenzung und Selbstdarstellung entfallen. Viele Menschen glauben, dass sie, um ihr “wahres Ich” zu erreichen, eine Menge verändern müssen. Doch es gibt nichts zu erreichen, denn wir SIND schon unser wahres Ich und können es nur in uns selbst entdecken:

Nicht sich im TUN verlieren, sondern meditativ leben, ganz still und gleichzeitig sehr wach und aufmerksam sein. Beobachten, ohne zu analysieren, zu interpretieren und vor allem, ohne zu werten, damit schaffen wir viel Raum für neue Entdeckungen. Wir benötigen eine Basis, um zum Wir-Bewusstsein zu gelangen und das ist das Vertrauen in die eigene Natur, die eigene Entwicklung und die eigene Kraft. Alle Dinge sind in Wahrheit am rechten Platz, das muss wirklich erkannt werden, denn es ist der Schlüssel zur eigenen – und zur Heilung anderer.

Das Leben ist wie eine Spirale

Das Göttliche lebt in jedem Menschen gleichermaßen und wir fügen uns immer das selbst zu, was wir einem anderen zufügen. Das zu erkennen, führt uns geradewegs zu einem ethischen und achtsamen Leben. Diese Grundlage, ein gesundes Gefühl für unsere eigene Identität, ist absolut notwendig, um sich weiter zu entwickeln. Wenn sie nicht erfüllt ist, glauben wir oftmals, kurz vor der Erleuchtung zu stehen, in höheren Sphären zu schweben, doch dann passiert etwas und wirft uns zurück, ein Mensch oder eine Situation. Wir arbeiten daran, doch wieder passiert etwas und so geht es immer weiter… Wir meinen schon, längst weit fortgeschritten zu sein auf unserem Weg, doch immer wieder kommen diese Verwicklungen und bringen uns zur Verzweiflung. Darin zeigt uns das Leben, dass erst unser Ich-Bewusstsein völlig erfüllt, belebt und ausgefüllt sein muss, bevor unsere Entwicklung weitergeht und keine Schritte übersprungen werden dürfen. Doch eigentlich gibt es gar keine Rückfälle, das Leben ist kein Kreis, eher eine Spirale und meist erkennen wir erst im Rückblick, dass sich etwas in unserem Wesen verändert hat, neue Erkenntnisse wachsen konnten, wir anders reagieren und sämtliches Urteilen abgestreift haben. Und wir sind auf dem Weg, der uns zu einem Wir-Bewusstsein hinführt.

Manche Menschen haben Angst, dass Ihre Individualität im Wir-Bewusstsein verschwindet, so wie ein Tautropfen im Ozean. Doch diese Angst ist unbegründet. Wenn wir eins sind mit allem Leben, sind wir nicht weniger lebendig, nicht weniger wirklich als jetzt, nichts von uns selbst, von unserem eigenen inneren Kern geht irgendwie verloren. Im Gegenteil, unsere Identität wird immer weiter und offener, viel reicher, – und doch bleiben wir wir selbst, wir selbst in erweiterter Form. Wir sind nicht mehr gefangen in den Grenzen unserer Persönlichkeit. Ein wahrhaft wundervolles Ziel.

Das Wir- oder Christus-Bewusstsein entsteht ganz allmählich, es wächst durch die Lücken des Ich-Bewusstseins und eines Tages wird es alles im Leben ausfüllen. Dann erst hat ein Mensch seine wahre Bestimmung erreicht, den Weg zur Einheit. Und wenn er diesen Weg gefunden hat, lebt er ihn in gewisser Weise für alle Menschen mit, denn wir alle sind ja, – wie wir wissen, – EINS.

Quelle: http://www.gehvoran.com/2014/04/vom-ich-zum-wir-eine-neue-form-des-bewusstseins/