Stein um Stein

„Das höchste Glück ist die Befreiung vom Ichbewusstsein“ – Buddha

Die Befreiung vom Ichbewusstsein.

Manche Menschen bringen es ein ganzes Leben lang nicht fertig zu denken, geschweige denn zu sagen: „Meine Mutter hat mich nicht geliebt“, oder zu sagen: „Mein Vater hat mich nicht geliebt“, oder: „Meine Mutter und mein Vater haben mich nicht geliebt“, oder einfach: „Ich bin ungeliebt“, auch wenn sie so fühlen. Dieser eine Satz scheint so schrecklich, so vernichtend zu sein, dass er nicht einmal in der Stille innerer Zwiegespräche laut werden darf. Doch seine entscheidende Wahrheit drängt unentwegt in den Ausdruck. Das dumpfe Wissen um das eigene „Ungeliebte“ bahnt sich komplizierte Umwege ins Freie, weil der kürzeste Weg der klaren Aussage versperrt ist.

Als psychologisch „aufgeklärte“ Menschen erzählen wir vielleicht ohne Hemmungen, dass wir als Kinder bei dieser oder jener Gelegenheit allein gelassen, dass wir nicht verstanden wurden, dass die Eltern überlastet oder krank waren, dass sie zu hohe Anforderungen an uns stellten, dass sie auf unsere besonderen Begabungen nicht einzugehen vermochten. Doch ist sich denn der Ungeliebte wirklich sicher, dass er von der Mutter oder dem Vater nicht geliebt wurde? Oder gaben sie nicht einfach die anerkennenden Worte, die man hören wollte? Warum gibst du nicht die Suche nach Anerkennung auf?
Von Zeit zu Zeit wechseln die Argumente, mit denen wir unser fundamentales Unbehagen über uns selber erklären und loswerden wollen. Wie arme Seelen auf der Suche nach Erlösung schweifen wir unstet von Erklärung zur Erklärung. Doch die Energieladung ist massiver als das in Worten Ausgedrückte. Auf dem Irrweg ins Freie vernebeln wir die klare, einfache Wahrheit: „Ich war ungeliebt und bin es immer noch.“
Dies ist eine Wahrheit, die auch für die Zuvielgeliebten und Fehlgeliebten zutrifft. Mangel an Liebe hat viele Masken.

Ich spreche von „Ungeliebten“, wenn das Gefühl ungeliebt zu sein, den springenden Punkt in der Lebenshemmung von Menschen ausmacht. Dies ist in allen tieferen psychischen Störungen der Fall, besonders in denen, die dem Narzissmus zugeordnet sind. Wird es schließlich zugelassen, zeigt es eine bestimmte Dominanz.

Die Wunde der Ungeliebten ist nicht Privatangelegenheit derer, denen es an Liebe gefehlt hat und die jetzt nicht lieben können. Sie ist ein gesellschaftliches Phänomen: Eltern, die ihre Kinder in deren Anderssein nicht lieben können, sind von sozialen Konventionen und aus diesen entspringenden Lebensängsten fehlgeleitet. Liebe, auch Elternliebe, ist das Natürlichste der Welt. Um sie brauchen wir uns nicht zu bemühen. Sie strömt von alleine, wenn wir uns nicht gegen das Leben sperren. Unbehindertes Leben setzt Liebe frei. Lebensenergie ist Liebe: gleichzeitig zu sich wie zu den anderen. Nur durch Normen zurechtgestutzte Menschen müssen diese Vorstellung als idealistisch ablehnen. Doch stellen nicht auch sie fest, dass sie in Phasen größerer Ungezwungenheit und Lebendigkeit mehr Liebe empfinden? – Nein, vor allem mit den Hindernissen zur Liebe, mit den Umständen, unter denen der Liebe Wunden geschlagen werden, haben wir uns zu befassen. Alles andere ergibt sich von alleine.

„Wann verfehlt ihr die Liebe, wann verliert die Liebe ihre Unschuld und warum ist die ganze Menschheit auf der Suche nach Liebe? Eine Mutter oder ein Vater verlassen dann den Pfad der Liebe, wenn ihre Liebe vom Wohlverhalten des Kindes abhängig ist und wenn die Liebe der Eltern mit Erwartungen an das Kind verbunden ist. Wenn ein Kind den Anforderungen der Eltern und der Gesellschaft gerecht werden muss, um Liebe zu erhalten, dann fehlt es in dieser Familie an Liebe – und dann hat die Liebe ihre Unschuld verloren.“

Menschen, die als Kinder Ungeliebte waren, haben es schwer, sich selber unter dem Auge eines anderen Menschen zu lieben. Gelingt ihnen dies nicht, erleben sie sich weiterhin  als Ungeliebte, auch wenn sie geliebt werden. Gelingt ihnen dagegen das Standhalten im magnetischen Feld einer Blickverbindung, werden sie lebendig und kreativ. Der Erwachsene sucht die Liebe ein Leben lang. Dies ist der Leidensweg aller Ungeliebten, weil sie den einen Satz nicht mit Leib und Seele aussprechen, hinaussprechen, fortsprechen können: „Meine Mutter hat mich nicht geliebt“, oder „Meine Mutter und mein Vater haben mich nicht geliebt“. Elternliebe kann nicht erzwungen werden. Hat sie gefehlt, bemüht sich die Tochter oder der Sohn manchmal ein Leben lang, sie zu gewinnen, nicht nur von den leiblichen Eltern, die vielleicht schon längst tot sind, sondern von allen Bezugspersonen. Die Wunde der Ungeliebten kann nicht heilen, nur der Verzicht auf zu späte Elternliebe löst den Bann. Die Heilung der seelischen Verwundung geschieht schließlich durch den Zugang zu einer tiefen Ebene, auf der alle Menschen gleich sind. Das Übel mangelnder Elternliebe kann nicht beseitigt, wohl aber an die Erfahrung eines existentiellen Mangels, der mit dem Menschsein gegeben ist, angeschlossen werden. Ich meine den Mangel an Geborgenheit in der Welt. Nicht nur der früh Verwundete muss den Verzicht auf Elternliebe leisten. Dieser ergibt sich aus dem Drang jedes Menschen nach Entwicklung und Autonomie. Das Opfer der Elternliebe ist die Hingabe an das Leben. Viele haben das Gefühl, nicht geliebt zu werden, weil sie es nicht fertigbringen, selber zu lieben. Würden sie aufhören, an der Wunde herum zu kratzen, könnte diese eher heilen. Doch solange ein Mensch seine Hände nicht für andere öffnet, ist er in sich verkrümmt. Aus diesem Grund haben Ungeliebte, solange sie ihr Kindheitsschicksal nicht verstanden, erspürt und befreit haben, unglückliche Liebesbeziehungen.

Die Energie der Liebe durch liebevolle Hinwendung zur Wunde unseres Ungeliebtsein zu erschließen: dies war mein Anliegen in diesem Artikel. Eine Psychotherapie, die nicht zur Energetik der Liebe wird, kann nicht helfen, weil Heilung nur durch Beziehung geschieht.

„Sich als Ganzes liebend, entdecken wir eine neue Liebe.
Die alte Liebe im Halten und Gehaltensein, im Haften und Verhaftetsein,
die Liebe aus Schwäche und Verzweiflung haben wir hinter uns gelassen.
Wir finden uns in einer Liebe vor, die nichts Bestimmtes will und
deshalb verfügbar und offen ist, eine Liebe,
die Liebeswunden heilt, indem sie auch diese liebt.“

 

– Marita Schroeder – The Future Force

Foto by: Path of the Lightworker