Mentaltraining

„Mein Trainer hat mich nicht trainiert, sanft
zu sein;  er hat mich ausgebildet, um ein Gewinner zu sein.“

Der Stürmer tritt an den Ball heran, schaut nach unten und schließt die Augen. Mit geschlossenen Augen schaut er auf das Tor. Sein Blick ruht wieder auf dem Ball. Jetzt schaut er erneut zum Tor, wieder hinunter zum Ball, holt aus und tritt den Ball mit traumwandlerischer Sicherheit  ins Tor.

Sie gehen eine Treppe hinauf. Möglicherweise denken Sie an den Feierabend und… stolpern. Die vierte Stufe war ein klein wenig höher als alle anderen. Der Unterschied beträgt wenige Millimeter. Und doch bleiben Sie an der kleinen Kante hängen.
Was haben diese beiden Situationen gemeinsam?

Das Unterbewusstsein!
Beim Treppensteigen greift unser Unterbewusstsein auf die bisherigen Erfahrungen zurück. Wir müssen natürlich nicht mehr überlegen wie man eine Treppe hochgeht. Wir haben das schon einige tausendmal getan. Für uns steht fest, dass jede Stufe gleich hoch ist. Wir denken beim Treppensteigen an etwas völlig anderes und das Unterbewusstsein tut das Nötige. Unser ganzes Leben funktioniert so. An die Atmung brauchen wir nicht bewusst zu denken. Unser Herz schlägt auch ohne eine willentliche Steuerung und beim Autofahren wissen wir wie Bremse, Kupplung und Gaspedal funktioniert ohne dass unser Bewusstsein daran beteiligt ist.

Denken wir ans Radfahren. Haben wir es einmal gelernt und fleißig geübt brauchen wir uns keine Gedanken über unser Gleichgewicht zu machen. Ja sogar beim einfachen, aufrechten Stehen machen wir jede Sekunde hunderte von kleinen Bewegungen um nicht umzufallen. Sobald wir uns dann allerdings bewusst um unser Gleichgewicht kümmern bekommen wir Probleme.

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment.
Stellen Sie sich vor, Sie sollen über ein etwa 30 cm breites Brett gehen.
Kein Problem!
Stellen Sie sich jetzt bitte vor, Sie sollen über ein 30 cm breites Brett gehen… in 100 Metern Höhe.
Vermutlich würden Sie die Arme ausbreiten und um Ihr Gleichgewicht kämpfen. Weshalb, es ist dasselbe Brett?
Ein anderes Beispiel.
Beschreiben Sie doch einmal wie Sie von einem Stuhl aufstehen. Das tun Sie jeden Tag einige Dutzend Mal. Und mit Sicherheit sind Sie kaum in der Lage zu beschreiben was genau Sie tun um sich von einem Stuhl zu erheben. 

Mentale Fähigkeiten.
Was hat das nun alles mit unserem Stürmer vom Anfang zu tun?
Er nutzt die Fähigkeit seines Unterbewusstseins bestehende Bewegungsmuster automatisch ablaufen zu lassen. Einige tausendmal hat er einen Tritt ausgeführt. Immer wieder hat er im Training seine Abläufe verbessert und Erfahrungen gesammelt. Schafft er es nun sich in denselben geistigen Zustand wie beim Treppensteigen zu versetzen dann läuft der Tritt automatisch ab. Seine Bewegungen sind perfekt aufeinander abgestimmt. Und von außen betrachtet gewinnt man den Eindruck, der Spieler Tritt mit Leichtigkeit und wie in Trance.

Sportler sprechen hier gerne von der Zone oder dem Flow.
In diesem Zustand erledigen wir komplexe Handlungen mit spielerischer Leichtigkeit und verschwenden dabei keinen bewussten Gedanken an die Handlung selbst. Entscheidungen werden hier exakt und sicher getroffen.
Unser Stürmer hat gelernt sich in diesen Zustand zu versetzen und seinem Unterbewusstsein die Kontrolle zu überlassen. Die Bewegungen werden auf einmal selbstverständlich, fast unwichtig. Er hat neben den Tritten auch seine mentalen Fähigkeiten trainiert und weiterentwickelt.

Mentaltraining ist, wie der Name uns ja bereits verrät – TRAINING.

Erstaunlicherweise haben viele Menschen genau mit diesem Punkt ein Problem. Leistungssportler zum Beispiel trainieren täglich ihren Körper. Sie üben Techniken verbessern ihre Bewegungsabläufe und fühlen sich dabei gut. Den Körperteil, der ihnen das alles erst ermöglicht, das Gehirn, trainieren sie allerdings nicht. Spricht man sie auf mentales Training an, kommen Antworten wie: „So etwas brauche ich nicht. Das kann ich auch so.“ Zunächst mal wäre zu klären: WAS genau kann er auch so? Denn die meisten Menschen haben schlicht eine falsche Vorstellung davon was Mentaltraining ihnen bietet.

Bei manchen Sportlern wird es als Zeichen von Schwäche angesehen ihre mentale Seite zu schulen. Dieselben Sportler finden es allerdings nur natürlich ihren Körper zu schulen. Sie erkennen mit Begeisterung an, dass sie ihrem Körper neue Bewegungsabläufe beibringen müssen. Auch den Muskelaufbau durch Krafttraining halten sie für unbedingt notwendig und er wird sogar noch als Spaß empfunden. Bei den geistigen Ressourcen wird dann ebenso strikt davon ausgegangen, dass diese einfach von Geburt vorhanden sind.
Es ist doch nur logisch, dass der Geist gleichermaßen trainiert und geschult werden muss wie der Körper.

Vorbereitung auf mentale Anforderungen.
Durch das körperliche Training bereiten sich die Athleten auf die neuen Anforderungen im Wettkampf vor. Und genauso muss natürlich auch unser mentales System auf die neuen Anforderungen vorbereitet werden. Werden beide Seiten trainiert ist das gesamte System, Körper und Geist, natürlich weitaus leistungsfähiger als bei einem einseitigen Training.
„Ich bin ein Kämpfer! Ich beiß mich überall durch! Mentaltraining brauch ICH nicht!“ Auch diesen Satz kann man manchmal im Zusammenhang mit Mentaltraining hören. Schauen wir uns diese Aussage doch einmal genauer an.

Was macht denn einen Kämpfer aus? Geistige Stärke ist doch ein Merkmal eines Kämpfers. Diese Eigenschaft muss natürlich auch trainiert und ausgebildet werden. Eine  Aussage wie diese weist geradezu auf die Notwendigkeit mentalen Trainings hin. Der nächste Satz unseres „Kämpfers“ ist ebenfalls interessant. Wenn er sich nämlich durchbeißen muss bedeutet das, er verbraucht Energie. Diese Energie könnte er sinnvoller an anderer Stelle einsetzen. Die Kraft, die für das „Durchbeißen“ vergeudet wird, fehlt natürlich an anderer Stelle. Wird der Geist trainiert entfällt das „Durchbeißen“ und er handelt mit spielerischer Leichtigkeit. Die gesparte Energie steht als Reserve zur Verfügung. Das bedeutet einen riesigen Vorteil im Wettkampf oder eben im täglichen Handeln.

Wird der Geist in demselben Maß trainiert wie der Körper, macht uns das insgesamt weitaus leistungsfähiger. Die Zusammenarbeit der einzelnen Komponenten wird auf einander abgestimmt. Techniken werden sauberer und benötigen weniger Krafteinsatz. Durch mentales Training werden alltägliche Schemata wie beim Treppensteigen geschaffen. Diese stehen bei Bedarf automatisch zur Verfügung. Ebenso können ungewünschte Muster und Verhaltensweisen aufgebrochen und verändert werden. Situationen im Alltag oder im Wettkampf werden schneller als zusammenhängendes Muster erkannt. Jetzt kann rascher reagiert werden, da nicht jedes Detail einzeln analysiert wird. Möglicherweise kann sogar schon gehandelt werden bevor sich eine problematische Situation aufbaut.

 Merken Sie sich eines: Sie sind erst besiegt worden, nachdem
Sie sich geschlagen geben.

– Marita Schroeder – The Future Force
© words by Marita Schroeder