Kommunikation statt Leitwölfe

Flache Hierarchien

Heute sieht der Fußball solche herausragenden Rollen nicht mehr vor. Top-Mannschaften zeichnen sich nicht mehr durch einen überragenden Akteur aus, sondern verteilen die spielerische Last auf mehreren Schultern.
Die taktischen Rollen auf dem Platz haben sich hierdurch verändert, und damit auch die Hierarchien innerhalb der Mannschaft. Platzhirsche der alten Schule findet man nur noch selten. Der Begriff der „flachen Hierarchie“ ist hierbei in den Vordergrund gerückt. Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Unternehmenspsychologie und wurde mittlerweile dermaßen totgetreten, dass niemand mehr so genau weiß, was er eigentlich bedeutet.

Eine flache Hierarchie kennzeichnet im Gegensatz zur steilen Hierarchie die höhere Selbstverantwortung und Eigeninitiative der Rangniedrigeren. Die Ranghöheren sind nicht mehr Befehlsgeber, sondern Schnittstelle zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. Der Vorteil einer flachen Hierarchie ist der Rückgang des sogenannten sozialen Faulenzens: Durch die höhere Verantwortung, die auf den Schultern des eigenverantwortlich arbeitenden Einzelnen lastet, fällt es ihm schwerer, sich hinter der Gruppe zu verstecken.

Teambildung

Sportpsychologen übertrugen in den letzten Jahren dieses System auf den Fußball. Dies hat auch taktische Gründe: Die Verantwortung eines jeden Spielers ist in einem System mit Raumdeckung wesentlich höher als bei simpler Manndeckung, da die gesamte Defensivorganisation mit dem einzelnen Spieler steht und fällt. Während früher Spieler hinter dem großen Star der Mannschaft sich als Arbeiter fügten, ist heute das alte Motto Berti Vogts‘ wahr geworden: Der Star ist die Mannschaft.

Mittlerweile sind daher Mannschaftsgremien wichtiger geworden als der Kapitän. Es wird versucht, nicht nur die Last des Spielaufbaus, sondern auch die Führung der Mannschaft auf mehrere Schultern zu verteilen. Aus gruppendynamischer Sicht macht das durchaus Sinn: Eine besonders gut funktionierende Gruppe zeichnet sich dadurch aus, dass zwischen den einzelnen Mitglieder möglichst komplexe Bände herrschen. Konkret gesagt: Je mehr Spieler innerhalb einer Mannschaft sich grün sind, desto besser ist dies für das Team.

Grüppchenbildung ist dabei nicht ausgeschlossen, wichtiger ist die Frage, ob die Gruppen auch untereinander vernetzt sind. Möglichst viele Bände zwischen den Mannschaftsteilen sind hierbei wichtig, um gruppenauflösenden Tendenzen entgegenzuwirken. Junge Spieler können von den reiferen und älteren Spielern lernen und umgekehrt.

Kommunikation untereinander ist immer wichtiger

Erfolgreiche Teams der letzten Jahre kamen gut ohne Spieler aus, die auf dem Platz ihren Mannschaftskollegen die Meinung geigen. Eine ausgesprochene Gleichberechtigung der Spieler ist ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs (hinter der taktischen und technischen Überlegenheit, natürlich). Dabei ist es wichtig, dass die Spieler offen miteinander reden und sich gegenseitig Paroli bieten. Dieser Prozess ist aber aus psychologischer Sicht nur dann sinnvoll, wenn er von allen Spielern betrieben wird, und kein Spieler sich dabei zu sehr in den Vordergrund drängt. Das Absägen eines Leitwolfes kann für die Teambildung sogar ein sehr heilsamer Prozess sein.

Ein einzelner Leitwolf ist demnach kein Garant mehr für fußballerischen Erfolg, Kommunikation muss zwischen allen Spielern gleichberechtigt stattfinden.
Aus sportpsychologischer Sicht sind deshalb flache Hierarchien und mündige Profis erstrebenswert. Mittlerweile lassen viele Trainer der Bundesliga die modernen Erkenntnisse der Sportpsychologie in ihre Mannschaftsführung einfließen. Jürgen Klopp drückte es mal gut aus: Der Führungsspieler ist nichts anderes als eine Legende… und, man kann auch mit einem vermeintlichen Leitwolf ganz groß scheitern.

Ich denke es ist nicht unbedingt erforderlich solche Spieler auf dem Feld zu haben. Man muss meiner Meinung nach nicht zwischen der flachen Hierarchie oder den Leitwölfen unterscheiden. Man braucht Spieler die miteinander kommunizieren aber eben auch Spielerpersönlichkeiten. Diese müssen nicht unbedingt laut werden doch sie müssen akzeptiert werden und auch sportlich wichtig sein.

Eine Spielerpersönlichkeit kann Verantwortung übernehmen und eine Mannschaft führen. Er kann es als seine Aufgabe ansehen und Ruhe ausstrahlen, egal in welcher Situation. Er kann zwischen Mannschaft und Trainer vermitteln. Er kompromittiert keinen Mitspieler und zeigt dadurch immer Respekt. Entscheidend ist, ob ich als Team eine klare Strategie habe. Wenn ja: braucht es auf dem Platz keinen der anleitet. Wenn nicht, braucht es jemanden der sagt, was ein Spieler machen soll. Im Übrigen darf man nicht denken, dass eine „flache Hierarchie“ unklar ist. Vielmehr zeichnet sie sich eben durch ganz klare Aufgabenverteilung aus. Und damit verbunden eben auch ganz klaren Verantwortlichkeiten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in einer Gruppe, im Fußball die Mannschaft, sich immer jemand herausbildet, zu dem andere aufschauen und der andere motivieren und leiten kann.

Es gibt keine 11 gleichen Spieler sondern unterschiedliche Spezialisierungen.
Die Kunst ist, die richtige Mischung zu haben, bei der neben fußballerischen Fähigkeiten auch viele scheinbar sekundäre Aspekte beigetragen werden.
Von allen sollten die Fähigkeiten richtig eingeschätzt werden und zur Anwendung kommen. Es sollten soziale Bindungen hergestellt werden, um alle am gesammelten Wissen teilhaben zu lassen und dabei ein gutes Klima zu haben. Ich denke, alles auf einen einzigen „Leader“ zu reduzieren, der dann in der öffentlichen Wahrnehmung als Allesmacher auch alles können soll, kann auf Dauer nicht gut gehen.
Das Wort Führung sehe ich trotzdem nicht so negativ, es ist einfach die Frage wie es umgesetzt wird. Und flache Hierarchien brauchen die Trainer-Philosophie. Dann wird der strategische Effekt verringert, weil immer klar ist, wie gespielt wird.

„Fußball spielen und lehren ist ein Unterschied.
Aber wenn einer, der Titel gewonnen hat, heute lehren will,
dann hat er einen Vorteil anderen gegenüber.“

– Marita Schroeder – The Future Force

© 2017 text by Marita Schroeder