Fußball – Spiegel des Unterbewusstseins

„Es gibt nur zwei Arten von Menschen in der Welt: die normal verrückten und die unnormal verrückten. Normal verrückt zu sein, bedeutet, verrückt innerhalb akzeptierter Grenzen zu sein. Schau dir einmal all diese normal verrückten Leute an, wie sie bei einem Fußballspiel mitfiebern. Ein paar Typen auf der einen Seite und ein paar auf der anderen rennen um einen Ball und Millionen von Verrückten ereifern sich darüber im Stadion und vor ihren Fernsehern, kleben auf ihren Sesseln und können sich nicht vom Geschehen lösen… so, als ob etwas ganz unglaublich Wertvolles und Schönes passieren würde…ja, ist es nicht so!“

Der französische Sportwissenschaftler Lanfranchi umschreibt die Fußballkrankheit ironisch wie folgt: „Die Pathologie der Fans hat die Symptome eines vorübergehenden Verlustes der Selbstkontrolle, einer ansteckenden Leidenschaft, gegen die der Kranke nicht anzukämpfen vermag.“

Beherrschen der Emotionen

Auszug, Autor und Quelle: Prof. Dr. Gunter A. Pilz,
http://www.sportwiss.uni-hannover.de/fileadmin/sport/pdf/onlinepublikationen/pil_sportarena.pdf

Fußballspieler spielen und Fans verfolgen deshalb ein Fußballspiel viel lieber in einem reinen Fußballtempel, wo die Emotionen auf dem Rasen und die Emotionen auf den Rängen
unmittelbar erfahrbar sind, als in weitläufigen von Tartanbahn umgebenen Stadien.
Es kann und darf also nicht darum gehen, dem Fußball seine Emotionen zu nehmen, nein, es
gilt sie zu erhalten oder in Erweiterung – nicht nur zu beherrschen, sondern kontrolliert zu ermöglichen. Dies nicht zuletzt auch angesichts der von ZINNECKER (1987) formulierten These, dass nicht nur die Verkommerzialisierung des Fußballsports und die damit verbundene Entfremdung der Fans von den Vereinen Gewaltpotentiale mittelbar freisetzt, sondern dass auch aufgrund der gewaltbejahenden Strukturen Jugendliche erst das Freizeitangebot Fußball schätzen lernen. Kein anderer Mannschaftssport gewährt seinen Zuschauern ein räumlich größeres Handlungsfeld.

Abweichende Handlungen lassen sich hier besonders publikumswirksam herausstellen.

Moderne Fußballstadien sind sicher, ungeachtet der jedes Mal vor einer Welt- oder Europameisterschaft aufkommenden Diskussion um die Sicherheit in den und der Stadien. Massenemotionen in der Sportarena sind durchaus beherrschbare Sicherheitsrisiken, wobei hier vor allem die Spieler, Funktionäre, Trainer und Schiedsrichter, die durch ihr Verhalten die Emotionen der Fußballfans schüren, aufheizen aber auch dämpfen können, gefordert sind. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der Fußball Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand und sozialer Herkunft in seinen Bann zieht, sich die Fankultur und Fanszene ebenso vielschichtig und bunt, wie widersprüchlich präsentieren und Fußballfans sich deshalb auch sehr unterschiedlich verhalten. Das Spektrum reicht vom kleinen Jungen bis zum graubärtigen Opa, von dem „mit den Wölfen heulenden Mädchen“ bis zur gereiften Oma, vom hemmungslos jubelnden bis hin zum distanziert konsumierenden Fan, vom friedfertigen Schlachtenbummler bis hin zum gewaltfaszinierten Hooligan, vom »Linken« bis zum »Rechten« – vom Fan, der an seinem 50. Geburtstag seine Geburtstagsgäste zwei Stunden warten lässt, um das Spiel seiner Mannschaft nicht zu verpassen, bis zu dem jungen Brautpaar, das in Anzug und Brautkleid das Hochzeitsbankett für zwei Stunden mit der Fan-Kurve tauscht, vom jugendlichen Fan der eine Kerze in einer Wallfahrtskirche anzündet und für den Klassenerhalt „seiner“ Mannschaft betet, bis hin zum Ultra, der wegen der Liebe zu seinem Verein, auf einen lukrativen Job in einer anderen Stadt verzichtet oder seinen Ausbildungsplatz aufs Spiel setzt, um seine Mannschaft bei Auswärtsspielen begleiten zu können, vom Politiker, Banker und Topmanager, für den das Fußballspiel ein vier- bis sechsstündiges Event in der VIP-Loge ist, bis hin zum Arbeitslosen, der sein letztes Kleingeld für eine Eintrittskarte zusammenkratzt. Die Fußballleidenschaft und –begeisterung erfasst alle, aber die Fankultur hat sich im Zuge der Kommerzialisierung und „Eventisierung“ des Fußballsports gewandelt und ausdifferenziert. Eine Unterscheidung der Zuschauer tut also Not.

 

„Die Liebe und der Fußball: Diese Kräfte bringen Menschen zusammen
wie nichts anderes auf der Welt.“

Ohne Fankultur überlebt kein Verein.