Wer nicht handelt, der wird behandelt.

Erfolgreiche Sportler haben das Laufwerk, die Entschlossenheit und Ausdauer, um es „zu machen“, egal wie oft sie scheitern. Das Scheitern ist ein wichtiger Zwischenstopp auf dem Weg zum Erfolg und es ist das, was Gewinner von den Verlierern trennt. Oder anders ausgedrückt: Die Hoffnung, dass sich irgendetwas ohne unser Zutun zum Besseren ändert. Die meisten Menschen in unserer Umgebung leben ein Leben der ewigen Erwartung. Es ist das Spiel der unerfüllten Hoffnung, dass irgendwann einmal jemand kommt und uns alle Wünsche erfüllt. Diese Einstellung ist für jeden Gegner eine ideale Voraussetzung dafür, das Erwartungsspiel zu spielen. Die einfache, aber wirkungsvolle Spielformel lautet:

  1. Erwecke in jemandem die Erwartung auf etwas, das er aus eigener Kraft nie erreichen kann.
  2. Mache ihm solange Hoffnung, bis seine Erwartung so groß ist, dass er bereit ist, alles dafür zu geben.
  3. Gib ihm immer wieder ein kleines Stückchen von dem, was er sich so sehnlich wünscht, damit seine Abhängigkeit erhöht wird und seine Erwartung nicht erlahmt.
  4. Spiele dieses Spiel solange, bis der andere dir aus der Hand frisst.

Auf diese Weise werden arglose Menschen abhängig gemacht. Bei diesem Spiel der Erwartung kann von zwei Phasen gesprochen werden: der Gewöhnung und der Erpressung. Wer sich einmal daran gewöhnt, von anderen Menschen etwas zu erwarten, was er selbst gerne erreichen möchte, hat damit schon seine Niederlage besiegelt.
Das Siegen setzt grundsätzlich eigenes Handeln voraus. Siegen erfordert einen Optimismus an innerem Handeln. Oder, um es anders auszudrücken: Wer nicht von anderen etwas erwartet, sondern selbst handelt, hat die Weichen zum Siegen gestellt.

„Wer nicht handelt, der wird behandelt.“ 

Weil die Mehrheit der Menschen sich lieber an Hoffnungen klammert als an die Realität der eigenen Fähigkeiten, gehört die Erpressung mit der Erwartung zu den beliebtesten Spielvariationen im Lebensspiel. Die Spielzüge werden in vielen Erwartungsformen variiert.
Hier sind nur einige Beispiele:

  • Die Gehorsamserwartung
  • Die Ungeduld
  • Die Leistungs- und Erfolgserwartung
  • Die Liebe

Schon jetzt ist deutlich zu sehen, dass es drei verschiedene Erwartungshaltungen gibt:

  1. Die aktive Erwartung, bei der wir selbst es sind, die uns Ziele setzen und hoffen, dass wir sie schon irgendwie eines Tages erreichen werden.
  2. Die passive Erwartung, bei der andere uns vorantreiben.
  3. Die Folge-Erwartung. Dies bedeutet, dass nach jeder Leistung von uns eine noch größere Leistung erwartet wird.

Hier lautet die klassische Verlierer-Formel: „Wer einmal siegt, muss solange siegen, bis er verliert.“ Oder: „Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht.“
Ein Sieg, der mit einer Erwartung auf weitere Siege verbunden ist, wird damit ganz automatisch zur Niederlage. Denn der Kampf um immer neue Siege kann eines Tages nur mit einer Niederlage enden. Ein Sieger, der sich auf diesen hoffnungslosen Kampf einlässt, ist also kein wirklicher Sieger. Ein wirklicher Sieger ist vielmehr einer, der heute einen Sieg erringt und nicht fragt, was morgen ist.
Nicht erfüllte Erwartungen können zweierlei Auswirkungen auf uns haben: Entweder wir resignieren, oder wir werden aggressiv. Wenn wir resignieren, geben wir unsere Entscheidung in die Hände der Leute, die uns in ihrem Sinne lenken. Wir werden allmählich süchtig im Sinne des „Prinzips von Lob und Tadel“. Wir fürchten uns vor Tadel und tun alles, um gelobt zu werden. Wer unerfüllte Erwartungen in Aggressionen umsetzt, kann sie in zwei Richtungen frei machen: gegen sich selbst oder gegen andere.
Eine Aggression gegen sich selbst bedeutet, gegen sich selbst zu kämpfen, ohne eine Chance auf Sieg. Deshalb versuchen viele Betroffene in diesem Kampf wenigstens einen Schein-Sieg zu erzielen, in dem sie die Aggression auf andere projizieren.

Typisch dafür ist das Fußball-Trainer-Modell.
Ein Fußballtrainer trägt seinem Verein gegenüber die Verantwortung für Sieg oder Niederlage der Mannschaft und von jeder Mannschaft werden ununterbrochen weitere Siege erwartet.
Treten diese Siege nicht ein, rettet sich die Vereinsführung in einen Schein-Sieg, indem sie den Trainer entlässt. Entlässt sie den Trainer nicht, so rettet sich dieser über die nächste Runde, in dem er die Mannschaft umstellt. Führt auch diese Maßnahme nicht zum Erfolg, kann er für ein verloren gegangenes Spiel immer noch den Schiedsrichter beschuldigen.
Eine kleine Geschichte dazu: Mitte der achtziger Jahre musste eine hoch eingeschätzte deutsche Mannschaft in einem Länderspiel gegen die im europäischen Fußball eine eher untergeordnete Rolle spielende Vertretung, eine überraschende 1:4 Niederlage hinnehmen. Der Trainer richtete seine ganze Aggression gegen den damals italienischen Schiedsrichter Luigi Agnoli. Er nannte diesen einen „Spinner“, „gemeingefährlich“ und zweifelte an seinem Verstand, „falls er überhaupt irgendetwas im Kopf habe“.

Dies ergibt folgende Analyse:

  1. Der Trainer bereitete seine Mannschaft nicht richtig auf einen zu schwach eingeschätzten Gegner vor.
  2. Trotzdem erwartete er von ihr einen eindeutigen Sieg.
  3. Als diese Erwartung nicht eintraf, hätte der Trainer aus der Niederlage einen nützlichen Schritt zur Erfahrung für den nächsten Sieg machen können. Aber er tat es nicht.
  4. Statt sich selbst und seine Aggression zu besiegen, suchte er einen Gegner, den er erniedrigen konnte, um sich damit selbst zu erhöhen. Oder wenigstens, um sich selbst zu rechtfertigen. Wie man sieht, kann auch ein Sieger-Typ manchmal Verlierer sein.

Nun kann man anführen, dass ein Fußballtrainer keine Chance hat, einen wirklichen Sieg zu erringen. Er sei vielmehr in mehrfacher Hinsicht benachteiligt:

  • Um einen wirklichen Sieg zu erringen, müsste er sich zuerst einmal selbst besiegen.
  • Wenn ihm dies gelingen sollte, kann er damit noch lange kein Spiel gewinnen.
  • Er müsste vielmehr noch elft eigenwillige Individualisten dazu motivieren, sich ebenfalls
    selbst zu besiegen, um auf diese Weise nach dem Prinzip von „Siegen, ohne zu kämpfen“
    die Weltmeisterschaft zu erringen.

Ein hoffnungsloses Unterfangen?

Wenn ein Betrachter der Situation davon ausgeht, dass es völlig unmöglich ist, ein Fußballspiel „ohne zu kämpfen“ zu gewinnen, dann erkennt er nach dem bisher Gesagten an, dass es im Fußball keine wirklichen Siege gibt, sondern nur Zufälle.
Für einen Anhänger von „Siegen, ohne zu kämpfen“ jedoch gibt es weder Versäumnis noch Zufälle, sondern nur die Realität des Siegens.
Wenn er gefragt wird: „Aber wie, um Gottes willen soll denn ein Fußballstürmer, ohne zu kämpfen, ein Tor schießen?“, erwidert er gelassen: „Indem er weder gegen seine Gegner kämpft noch mit den Tücken des Balls oder gegen sich selbst. Er ist vielmehr mit sich selbst, dem Spiel, dem Ball und allen anderen Spielern in vollkommener Harmonie“.
Zugegeben, eine Antwort wie diese wird bei fast jedem Fußballanhänger unglaubliches Kopfschütteln auslösen. Dies ist nicht verwunderlich, weil es schließlich nur ganz wenige Menschen geben kann, die erkennen, dass Sieg nicht kämpfen bedeutet, sondern die Überwindung aller Hindernisse, die in uns selbst dem Siegen im Wege stehen.
Der Sieg des Torschützen besteht demnach nicht darin, dass er ein Tor geschossen hat, sondern darin, dass er im Stande war, weder an den Sieg noch an das erstrebte Tor noch an die Gegner zu denken, und eine so vollkommene Einheit mit dem Ball war, dass sich das Tor sozusagen ganz von selbst schoss. 
Wer sich mit dieser Vorstellung nicht anfreunden kann, dem möchte ich eine Frage mit auf den Weg geben. Glauben Sie, dass ein Mann mit der Kante seiner Hand durch einen einzigen Schlag einen Ziegel erschlagen könnte, wenn er auch nur den Bruchteil einer Sekunde mit dem Gedanken kämpfte, ob denn nicht doch der Ziegel härter sei als die Kante der Hand?
Wenn es Ihnen gelingt, nach anfänglichen Zweifeln diese Frage befriedigend zu beantworten, könnte doch eines Tages noch ein recht passabler Anhänger von „Siegen, ohne zu kämpfen“ aus Ihnen werden.

„Ich machte mir überhaupt keine Sorgen,
dass der Ball das Tor nicht treffen könnte.
Es war wie ein Traum.
Ich dachte gar nicht darüber nach.
Wenn ich nachgedacht hätte,
dann hätte ich nie so ein perfektes Spiel hingelegt.“

 

– Marita Schroeder – The Future Force

© 2015 text by Marita Schroeder