Die Kraft lebendiger Rituale

„Es ist großartig, ein bedeutender Mensch zu sein, aber
es ist großartiger, ein menschlicher Mensch zu sein.“ – William Rogers

Oft kamen Sportler mit der Bitte zur mir, ihnen einen genauen Zeit- oder Aktivitätenplan zu erstellen, der die Erreichung des beabsichtigten inneren Zustandes gewährleistet. Diesen einen Weg gibt es aber nicht!

Es gibt für jeden einen Weg – nur ist dieser Zugang so einzigartig und individuell ausgestaltet wie der jeweilige Sportler.
Du musst daher deine eigene Interessenslage mit persönlichen Vorlieben, Bedürfnissen und situativen Gegebenheiten abstimmen; sprich, dein eigenes Zugangsmodell entwerfen. Dieser Weg ist aufwendig und nimmt Zeit in Anspruch. Um als Mensch autonom zu bleiben, musst Du ihn weitgehend selbst beschreiten und deine eigenen Erfahrungen sammeln.

Ich möchte dir ein Aspekt darbieten, dass dir als Richtlinie hilfreich sein kann.

Nutze die Kraft der Rituale

Rituale zählen, schon seit es die Menschheit gibt, zu den eigentlichen Verbindungen, schaffen Gemeinsamkeiten, hatten seit jeher unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen und damit unterschiedliche Funktionen. Bei Ritualen geht es letztlich um ein einziges Thema: die Darstellung von Übergangsformen des Lebens oder dessen alltägliche Anforderungen in Form eines Symbols. In der Darstellung eines Symbols wird ganz konkret und praktisch eine neue Ordnung eingeleitet und gelebt. Es wird nicht nur plump ausgeführt und mit leeren Bewegungen und Gesten gefüllt, sondern mit Körper, Seele und Geist vollzogen.

Und obwohl Rituale besonders  dann gut wirken, wenn sie bewusst ausgeführt werden, wirken sie auf der unbewussten Ebene: sie geben Struktur, wo das Bewusstsein nicht mehr strukturierend wirkt. Sie vermitteln Orientierung, wo der Verstand sich nicht mehr orientieren kann. Sie geben Sicherheit, wenn alle Stricke und der rote Faden reißen. Sie integrieren neu gelernte Inhalte in den unbewusst und willkürlich ablaufenden Prozess des Verhaltens, bis aus dem Verhalten eine bewusste Haltung geworden ist.
Rituale sind Krücken. Sie wirken letztlich wie ein Zündmechanismus, der bestimmte innere Zustände und Erlebenswelten ermöglicht.

Sei achtsam und bewusst; finde eine ganz persönliche Form und integriere diese Symbolik in deinen Alltag.

Ich schlage dir daher als weitere Vorgehensweise vor, eigene Rituale zu entwerfen, die dir helfen sollen, bestimmte Ziele zu verwirklichen oder Lösungsversuche in den Alltag einzubauen. Rituale sind in diesem Sinne als positive Verstärker zu verstehen, die eine Verankerung von gefundenen Lösungen im Alltag verstärken. Sprich, auf eine Art Formel bringen, in dem die darunterliegende Struktur, der Prozess mit seinen Phasen, seinen notwendigen Schritten, bewusst gemacht wird. Wenn Rituale lebendig begangen werden und erkannt wird, dass sie Ausdruck für eine bestimmte Sicht der Dinge und zugleich Auslösemuster für eine weitgehend festgelegte Handlungsabfolge sind, kann ihre volle Wirkungsbreite genutzt und in das Leben einbezogen werden.

Ein Ritual bietet den überlebenswichtigen Gegenzauber zu negativen Eigenverzauberungen.
Ein Ritual, und sei es nur ein Alltagsritual, muss deshalb solange geübt werden, bis das neue Verhalten selbstständig geworden ist und in den Bestandteil der ganz alltäglichen Zauberstücke eingegangen ist.

„Ich habe keine Rituale – bis auf Sachen, die man immer wieder gleich macht.“

– Michael Ballack, (*1976), deutscher Fußballer

– Marita Schroeder – The Future Force

© 2017 text by Marita Schroeder

Foto: Miroslav Klose – Er wollte sich nicht auf eine Rückennummer reduzieren lassen…;-)