Der gigantische Willenskampf

„Es macht nichts, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat, die
Kunst
ist nur, sie in Formation fliegen zu lassen.“

Jede positive Bestätigung ist besser, als über die negativen Aspekte und die Folgen eines möglichen Versagens nachzugrübeln. Wird ein Spiel verloren, dann sollte es nicht analysiert werden. Der berühmt berüchtigte Satz: „Wir müssen das Spiel jetzt aufarbeiten“, sehe ich als völlig falsch und kostet unnötige Zeit. Die Konzentration liegt hier auf der Vergangenheit – auf das verlorene Spiel und es werden einzig und allein die Schwächen eines Spielers aufgezeigt, was demotivierend sein kann. Sobald die Spieler und der Trainer das Spielfeld und das Stadion verlassen haben, sollte über SIEG  gesprochen werden.

Besonders wirkungsvoll ist „aggressiver“ self-talk (in der Kabine, auf dem Weg zum Spielfeld) der auf frühere Erfahrungen zurück greift und auf gewisse wiederkehrende Situationen abgestimmt ist. So lässt sich die Konzentration oder die Aufmerksamkeit in wichtigen Augenblicken wieder herstellen – bei Abwehrspielern zum Beispiel hinsichtlich der Manndeckung in gefährlichen Standardsituationen, bei Stürmern kurz vor einem schwierigen Schuss.
Alle diese Techniken sollen die entscheidende Erregungsstufe bewahren oder wieder herstellen, die dafür sorgt, dass ein Spieler unter Druck die gewünschte Leistung bringt – dieses Gefühl, dass es einfach läuft und nichts unmöglich ist. Die gegnerische Mannschaft wird aber natürlich alles tun, um dies zu verhindern. Sofern sie die Chance sieht, diese optimale Verfassung zu erschüttern – vor allem, wenn das mit legalen Mitteln möglich ist -, dann wird sie nicht lange zögern.
In den letzten Jahren war jedoch zu beobachten, dass diese Taktik nicht mehr nur vor dem Spiel und auf dem Spielfeld verfolgt wird, sondern dass vor allem die Trainerriege in den Medien derartige Psychotricks einsetzt.

Der Psychotrick eines Trainers.

Die folgende Szenario ist wohlbekannt: Team B  ist eine aufstrebende Mannschaft, die mit dem Spitzenverein, Team B, um den Aufstieg kämpft. Trainer B  äußert sich in der Öffentlichkeit ganz bescheiden: „Wir sind noch lange nicht so weit, dass wir Team A  gefährlich werden könnten.“ Dieses Statement wird in den Medien leicht abgeändert, man vergleicht die Fähigkeiten von Team B und Team A und bittet Trainer A um eine Stellungnahme. Erwartungsgemäß ist seine Antwort ziemlich belanglos, doch die Botschaft ist jetzt eine andere: Team B  ist nicht gut genug, und Trainer A  findet das auch. Empört stürmt der Trainer von Team B  vor dem wichtigen Spiel gegen Team A  in die Kabine. „Seht euch das an“, schreit er, „die behaupten, wir wären nicht gut genug! Denen werden wir’s zeigen!“ Und so wird das Team B  besonders motiviert, obwohl dem Spiel eigentlich eine negative Beurteilung durch den eigenen Trainer voraus gegangen ist. Vielleicht erkämpft sich so das Team B  dadurch die entscheidende Führung im Kampf, und am Ende den Sieg!

Ein gutes Beispiel, wenn auch bei weitem nicht das einzige, stammt aus dem Kampf um die englische Meisterschaft in der Saison 1995/1996. Newcastle United hatte sich einen beeindruckenden Vorsprung vor Manchester United gesichert und schien den Titel in trockenen Tüchern zu haben. Doch dann legte sich Alex Ferguson mit Newcastles Trainer Kevin Keegan an. Ferguson behauptete, Newcastle United sei nur so weit vorn, weil sich die anderen Mannschaften gegen Manchester mehr ins Zeug legten als gegen Newcastle. Keegan hätte darüber einfach nur lachen sollen, genau wie über die ebenso lächerliche Behauptung des Schotten, Manchester bekomme nie Elfmeter, die Nachspielzeit sei immer zu kurz und so weiter…
Das war alles nicht ganz ernst gemeint, aber Keegan schluckte den Köder. Nach dem Newcastle eine hart umkämpfte Partie gegen Leeds United für sich entscheiden konnte, verlor er vor laufenden Kameras völlig die Fassung und sagte mit fast erstickender Stimme: „Davon sollte man ein Video an Alex Ferguson schicken – das (die Leistung von Leeds) war es doch, was er wollte. So was sagt man einfach nicht über Leeds. Es wäre phantastisch, wenn wir sie schlagen könnten. Er ist in meiner Achtung sehr gesunken…Es wäre phantastisch, wenn wir sie schlügen. Phantastisch.“
All die kleinen WENNS sind das Verräterische an seiner Aussage – nur die Spitze des ungeheuren Eisbergs aus Zweifeln, die Newcastles Schicksal schließlich besiegelten.
Wenn der Trainer selbst keine Zuversicht ausstrahlen kann, wie will er dann seine Mannschaft motivieren? Wen wundert es da, dass Newcastle sich von Manchester noch überholen ließ und die Saison auf Platz 2 hinter Fergusons Team beendete.

Allerdings fallen nicht alle Trainer auf derartige Provokationen herein…

„Ich bin der Beste. Wir werden sehn‘ wer wen da draußen fickt.“

SIEG Germany

– Marita Schroeder – The Future Force

© 2015 text by Marita Schroeder

Foto by: Germany’s Thomas Mueller scores the opening goal during the World Cup semifinal soccer match between Brazil and Germany at the Mineirao Stadium in Belo Horizonte, Brazil, on July 8. (Matthias Schrader/Associated Press) #