3 gefährliche Irrwege der Spiritualität

Eins gleich vorab: Spiritualität ist grundsätzlich ein sehr wichtiger Lebensbereich. Spiritualität ist die Quelle Deiner Inspiration und Motivation im Leben. Wer spirituell nicht wächst, entwickelt auf emotionaler, mentaler und auch materieller Ebene über kurz oder lang große Defizite. Doch Spiritualität ist in den letzten Jahren inflationär dafür benutzt worden, um anderen  Menschen zu erklären, wie „richtig leben“ geht. Viele glauben sie wüssten, wie das Universum funktioniert und teilen ihre „Erleuchtung“ auch bei jeder Gelegenheit mit ihrem Umfeld. So mancher hat sich verlaufen bei seiner Suche nach sich selbst. Immer mehr Menschen, so wirkt es auf mich, sind in Wahrheit spirituelle Geisterfahrer, die ganz profanen Denkfehlern unterliegen. Lass uns daher die drei gefährlichsten Irrwege entlarven, die sich im Zusammenhang mit Spiritualität oftmals ergeben.

Irrweg 1 der Spiritualität: VERSTÄRKTES EGO

Ich liebe folgendes Zitat des buddhistischen Gelehrten Chögyam Trungpa Rinpoche:

„Wir werden geschickte Schauspieler, und während wir für die wahre Bedeutung der Lehren taubstumm spielen, finden wir es angenehm so zu tun als würden wir dem Pfad folgen.“

Spiritualität wird für so manche oft zu einer Maske. Man beschäftigt sich weniger damit, eine Lehre selbst zu verinnerlichen und zu leben, sondern vielmehr damit, sie anderen vorzuspielen und aufs Auge zu drücken. Dieses Prinzip „Ich weiß was, was Du nicht weißt“ tritt sehr häufig auf. „Schau Dir nur an, wie oberflächlich die anderen sind“ sagen oft die scheinbar geistig Erleuchteten. Doch in Wahrheit bläht damit der Halbweise nur sein eigenes Ego auf, um sich dadurch über andere erhöhen zu können. Im Grunde ist das nichts anderes als ein Schrei nach Anerkennung und Bewunderung, der aus einem inneren Selbstzweifel heraus resultiert. Denn nur wer Angst hat, selbst klein zu sein, versucht sich größer zu machen als andere.

Über eigene Erkenntnisse oder Lebensphilosophien zu sprechen, ist sicherlich eine gute Sache, die auch anderen wertvolle Impulse bieten können. Doch dabei sollte man es dann auch belassen und nicht vom „Belesenen“ zum „Belehrenden“ werden. Das ist in Wahrheit nämlich „Ego mit Hut“!

Irrweg 2 der Spiritualität – ANTIMATERIALISMUS

Spiritualität ist heutzutage für so manche Hobby-Gurus ein beliebtes Erklärungsmodell dafür,  dass alles was  bislang für schön und erstrebenswert gehalten wurde, in Wahrheit vollkommen überflüssig und unsinnig ist. Karriere, Geld, ein tolles Haus, Status – alles niedrige Werte, die die „entwickelte Seele“ natürlich nicht mehr braucht.

Aus meiner persönlichen Sicht heraus ist es jedoch naiv anzunehmen, die Freude an Materiellem aufgeben zu müssen, nur weil man auch an spirituellem Wachstum interessiert ist. Das eine schließt das andere doch nicht aus. Es ist nichts Schlimmes daran, sich einerseits mit Buddhismus oder anderen spirituellen Lehren zu beschäftigen oder regelmäßig zu meditieren und sich gleichzeitig für finanziellen Erfolg und florierendes Business zu begeistern. Spiritualität schließt Materialismus nicht aus, sondern sie prüft lediglich die Integrität Deines Handelns sowie auch Integrität Deiner Entscheidungen. Spiritualität ist keine Frage der Dinge die Du hast, sondern von Deiner Beziehung zu diesen Dingen.

Jeder Mensch in unserer Gesellschaft braucht Geld. Armut ist keine Tugend, sondern eine Mangelerscheinung. Der Mangel an materiellem Wohlstand führt zumindest in unseren Breitengraden zu Abhängigkeit und Unfreiheit. Man wird dadurch zu Handlungen gezwungen, mit denen man im Innersten seines Herzens nicht konform geht. Viele Menschen arbeiten ausschließlich für Geld – weil sie es eben brauchen. Ein spirituell sinnvollerer Ansatz ist es jedoch, nicht für Geld zu arbeiten, sondern für persönliche Entwicklung, für Freude und für den Nutzen, den man damit anderen Menschen bietet. Dies alles ist jedoch nur dann möglich, wenn materielle Bedürfnisse auch zeitgleich befriedigt sind. Ein Leben, das sich auf Spiritualität und spirituelles Wachstum ausrichtet, schließt also Materialismus nicht aus, sondern integriert diesen Lebensaspekt mit in das Gesamtkonzept. Innerer und äußerer Reichtum gehen Hand in Hand.

Irrweg 3 der Spiritualität – ZWANGHAFTE POSITIVITÄT

Im Laufe der letzten Jahre hat sich vielerorts die zweifelhafte Haltung entwickelt, dass man alles im Leben positiv sehen müsse. Probleme gibt es nicht, sondern lediglich Herausforderungen. Wenn ich das schon höre! Wie wenn es unser Problem wäre, Probleme zu haben. Unser Problem ist in Wahrheit, dass wir glauben, wir dürften keine Probleme haben. Denn wer Probleme hat, lebt ja falsch und hat die geistigen Prinzipien des Lebens noch nicht richtig verstanden. Sozusagen „sitzen geblieben“ in der Schule des Lebens. Dabei ist es in Wahrheit so, dass Probleme nicht deswegen verschwinden, indem man das Wort aus seinem Wortschatz streicht und es durch ein anderes Wort ersetzt.

Natürlich gibt es Probleme und manchmal fühlen sie sich einfach auch nur beschissen an – Punkt! Doch die Frage am Ende ist, wie meine Reaktion darauf sein wird. Viele der hochspirituellen Positivdenker sind in Wahrheit nur Weltmeister im Wegschauen. Die Probleme, Ängste und negativen Aspekte des Lebens prallen nicht an ihnen ab, sondern sie drehen sich nur davon weg. Die Aufgaben und Botschaften des Lebens (nichts anderes sind nämlich Probleme) werden nicht gelöst, sondern ignoriert.

„Man sollte sich nicht mit seinen Schwächen beschäftigen, sondern ausschließlich mit seinen Stärken“, heißt es dann gern. Ach ja? Was würde dazu wohl ein Spitzensportler sagen, der seine Schwächen nicht mehr bearbeiten soll? Wie wäre es mit dieser Empfehlung für die Bundesregierung, für rechtsradikale Parteien oder kriselnde Firmen wie derzeit noch VW? Die sollen ihre Schwächen und Fehler ignorieren? Blödsinn! Sie sollen aus ihren Schwächen und Fehlern lernen und zwar eine ganze Menge! Doch um daraus zu lernen, muss man sich eben auch damit beschäftigen.

Wer jedoch von sich behauptet, die Erkenntnisse der Spiritualität für sich gepachtet und verinnerlicht zu haben, dessen Ehre verbietet es natürlich, sich etwas anhaben zu lassen. Man steht über den Dingen, ist unantastbar, ist der Frieden und die Ausgeglichenheit in Person und die fleischgewordene bedingungslose Liebe. Sobald sich etwas negativ anfühlt, wird mit 20 meditativ gesprochenen Affirmationen nach dem Motto „Ich bin ein Geschenk für die Welt“ einfach drübergebügelt und schon gehts weiter.

In Wahrheit steckt hinter all diesem Hokuspokus ein simples psychologisches Verhaltensmuster, das man „Vermeidung“ oder „Verdrängung“ nennt. Das Negative zu verdrängen führt jedoch nicht dazu, dass es uns nichts anhat. Vorübergehend geht es einem durch bestimmte Affirmationen oder Entspannungstechniken zwar tatsächlich besser (in der aktuen Situation ist sowas also durchaus sinnvoll). Die Probleme nagen jedoch auf Dauer gesehen natürlich weiter an einem, während man den Kopf auf die andere Seite wegdreht. Und wer nicht auf das schaut, wovon er wegläuft, muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann zur Besinnung kommt und erkennt, dass er in Wahrheit die ganze Zeit vor sich selbst und seinen eigenen Ängsten weggelaufen ist und somit dieses Rennen gar nicht gewinnen konnte.

Was Du tun kannst, um Deine Spiritualität positiv zu leben und zu fördern

Beschäftige Dich mit DEINEM spirituellen Wachstum, nicht mit dem der anderen. Belehre andere nicht darin, wie sie sein, denken oder handeln müssten. Finde Deinen eigenen Glauben oder Deine eigene Weltsicht, aber drücke sie niemand anderem als das „Richtige“ auf.

Fokussiere Dich auf ganzheitlichen Wohlstand. Seelisch wie auch materiell. Sorge dafür, dass Du inneren Frieden entwickelst, dass aber auch Dein äußeres materielles Umfeld in Harmonie ist. Geld ist nicht wichtiger, als geistiges Wachstum. Aber anders herum gilt dieser Grundsatz eben genauso.

Kümmere Dich mehr um Dich selbst, anstatt nur immer mit dem Fokus bei anderen zu sein. Geben ist NICHT seeliger als nehmen. Alles in der Welt ist gleich-gültig, besitzt also die gleiche Gültigkeit. Schaffe eine Balance zwischen dem was Du gibst und dem was Du nimmst. Schaffe genauso eine Balance zwischen Deiner Hilfe für andere und Deiner Hilfe für Dich selbst. Und fang bei Dir selbst immer an!

Erhebe Dich nicht über andere. Spiritualität zu leben und anderen Menschen zu vermitteln heißt nicht, ihnen zu vermitteln, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Es geht darum, sie dazu einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, ihren eigenen Weg zu entdecken und ihre eigenen Erfahrungen zu machen.

Wie das geht? Indem Du ihnen vorlebst, dass Du selbst für Dich Deinen Weg gehst, der Dich glücklich und erfolgreich macht – innerlich wie äußerlich. Es geht nicht darum, dass danach alle Deinen Weg, Deine Weltansichten und Deine Werte für sich adaptieren. Es geht darum, dass sie davon inspiriert sind, wie Du mit Deinen Werten im Wohlstand bist und diese positive Ausstrahlung besitzt, die man sich für sein Leben wünscht. Das ist Inspiration pur! Und Inspiration bedeutet wörtlich übersetzt: „Der Seele Leben einhauchen.“ Aus meiner Sicht ist dies der Kern der Spiritualität.

 

Quelle: https://www.steffenkirchner.de/blog/gefahrspiritualitaet/