Archiv für den Monat: Oktober 2017

Die Kraft lebendiger Rituale

„Es ist großartig, ein bedeutender Mensch zu sein, aber
es ist großartiger, ein menschlicher Mensch zu sein.“ – William Rogers

Oft kamen Sportler mit der Bitte zur mir, ihnen einen genauen Zeit- oder Aktivitätenplan zu erstellen, der die Erreichung des beabsichtigten inneren Zustandes gewährleistet. Diesen einen Weg gibt es aber nicht!

Es gibt für jeden einen Weg – nur ist dieser Zugang so einzigartig und individuell ausgestaltet wie der jeweilige Sportler.
Du musst daher deine eigene Interessenslage mit persönlichen Vorlieben, Bedürfnissen und situativen Gegebenheiten abstimmen; sprich, dein eigenes Zugangsmodell entwerfen. Dieser Weg ist aufwendig und nimmt Zeit in Anspruch. Um als Mensch autonom zu bleiben, musst Du ihn weitgehend selbst beschreiten und deine eigenen Erfahrungen sammeln.

Ich möchte dir ein Aspekt darbieten, dass dir als Richtlinie hilfreich sein kann.

Nutze die Kraft der Rituale

Rituale zählen, schon seit es die Menschheit gibt, zu den eigentlichen Verbindungen, schaffen Gemeinsamkeiten, hatten seit jeher unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen und damit unterschiedliche Funktionen. Bei Ritualen geht es letztlich um ein einziges Thema: die Darstellung von Übergangsformen des Lebens oder dessen alltägliche Anforderungen in Form eines Symbols. In der Darstellung eines Symbols wird ganz konkret und praktisch eine neue Ordnung eingeleitet und gelebt. Es wird nicht nur plump ausgeführt und mit leeren Bewegungen und Gesten gefüllt, sondern mit Körper, Seele und Geist vollzogen.

Und obwohl Rituale besonders  dann gut wirken, wenn sie bewusst ausgeführt werden, wirken sie auf der unbewussten Ebene: sie geben Struktur, wo das Bewusstsein nicht mehr strukturierend wirkt. Sie vermitteln Orientierung, wo der Verstand sich nicht mehr orientieren kann. Sie geben Sicherheit, wenn alle Stricke und der rote Faden reißen. Sie integrieren neu gelernte Inhalte in den unbewusst und willkürlich ablaufenden Prozess des Verhaltens, bis aus dem Verhalten eine bewusste Haltung geworden ist.
Rituale sind Krücken. Sie wirken letztlich wie ein Zündmechanismus, der bestimmte innere Zustände und Erlebenswelten ermöglicht.

Sei achtsam und bewusst; finde eine ganz persönliche Form und integriere diese Symbolik in deinen Alltag.

Ich schlage dir daher als weitere Vorgehensweise vor, eigene Rituale zu entwerfen, die dir helfen sollen, bestimmte Ziele zu verwirklichen oder Lösungsversuche in den Alltag einzubauen. Rituale sind in diesem Sinne als positive Verstärker zu verstehen, die eine Verankerung von gefundenen Lösungen im Alltag verstärken. Sprich, auf eine Art Formel bringen, in dem die darunterliegende Struktur, der Prozess mit seinen Phasen, seinen notwendigen Schritten, bewusst gemacht wird. Wenn Rituale lebendig begangen werden und erkannt wird, dass sie Ausdruck für eine bestimmte Sicht der Dinge und zugleich Auslösemuster für eine weitgehend festgelegte Handlungsabfolge sind, kann ihre volle Wirkungsbreite genutzt und in das Leben einbezogen werden.

Ein Ritual bietet den überlebenswichtigen Gegenzauber zu negativen Eigenverzauberungen.
Ein Ritual, und sei es nur ein Alltagsritual, muss deshalb solange geübt werden, bis das neue Verhalten selbstständig geworden ist und in den Bestandteil der ganz alltäglichen Zauberstücke eingegangen ist.

„Ich habe keine Rituale – bis auf Sachen, die man immer wieder gleich macht.“

– Michael Ballack, (*1976), deutscher Fußballer

– Marita Schroeder – The Future Force

© 2017 text by Marita Schroeder

Foto: Miroslav Klose – Er wollte sich nicht auf eine Rückennummer reduzieren lassen…;-)

Mythos Heimvorteil

„Wer selber denkt, hat Heimvorteil.“

Was ist dran am Heimvorteil? Gibt es ihn überhaupt?

Fragt man vor einer Pokalauslosung bei Fußball-Spielern und Verantwortlichen nach, welchen Gegner sie denn gerne zugelost bekämen, dann bekommt man oft ein „Egal. Hauptsache, wir haben ein Heimspiel” zu hören. Im DFB-Pokal ist es nicht viel anders: In den K.O.-Runden hoffen die meisten Mannschaften darauf, zuerst auswärts ran zu müssen – um dann vor heimischer Kulisse im Rückspiel vielleicht noch einmal alles drehen zu können. Zu Hause zu spielen, scheint also ein echtes Faustpfand zu sein…

„Es gibt den Heimvorteil, aber er findet im Spieler selbst statt.“
sagt Sportpsychologe Bernd Strauß

Statt höhere Mächte anzurufen, muss der Heimvorteil erarbeitet werden. Er existiere nur, wenn die Spieler Selbstvertrauen haben und an den Vorteil im heimischen Stadion glauben. Es muss ein Teamspirit erarbeitet werden und die Spieler müssen sich immunisieren gegen den öffentlichen Druck.

In einer Studie wurden alle Spiele der Fußball-Bundesliga zwischen 1963 und 1998 analysiert. Ergebnis: In 53,3 Prozent der Spiele triumphierte die Heimmannschaft. Rund jeder fünfte Sieg wurde auswärts eingefahren, der Rest endete unentschieden. Das klingt eindeutig, ist es aber nicht. Denn die Ursachen für den Heimvorteil seien überhaupt nicht klar. Alle Faktoren, die gemeinhin als so vorteilhaft im heimischen Stadion gälten, beeinflussten separat untersucht das Spielergebnis kaum.

„Es macht kein Unterschied ob man Zuhause oder Auswärts spielt“.

Die Zuschauer spielen keine Rolle.

Laut einer Studie der Kanadier Steven Bray und Neil Widmeyer sprechen Spieler selbst dem Einfluss des Publikums und der Vertrautheit der Sportstätte einen positiven Einfluss zu. „Aber die Spieler haben heute so häufig wechselnde Spielorte, dass das nicht ernsthaft eine Rolle spielen kann“, hält Strauß dagegen. „Noch dazu sind die Spielstätten häufig sehr ähnlich.“ Vorteil Publikum? Objektiv gesehen: Fehlanzeige. „Jubeln spielt Studien zufolge für das Endergebnis des Spiels gar keine Rolle“, sagt ebenfalls Bernd Strauß. So hätten amerikanische Basketballspieler wegen einer Masern-Epidemie mehrfach vor leeren Rängen gespielt – und besser abgeschnitten als unter den anfeuernden Fan-Rufen. „Auch die Dichte der Zuschauer oder ihre Anzahl ist für einen Sieg unerheblich“, setzt Strauß fort.

Allenfalls auf den Schiedsrichter hätten grölende und pfeifende Fans manchmal Einfluss, sagt Strauß. „Unter bestimmten Lärmbedingungen pfeifen Schiedsrichter eher für die Heimmannschaft.“ Aber auch dies erkläre sicher nicht den Heimvorteil, betont der Sportpsychologe.

Der Heimvorteil ist in die Jahre gekommen.

Zudem scheint der Heimvorteil in die Jahre zu kommen: „Er ist in den 90er Jahren weiter zurückgegangen“, sagt Strauß. Mögliche Gründe: „Fußball ist professioneller geworden.“ Die Spieler jetten durch die Welt und werden dabei von den Medien und der Öffentlichkeit ständig beobachtet. Zudem seien die Mannschaften ausgeglichener geworden und inzwischen bis auf einige Teams in der Bundesliga fast alle mehr oder minder vergleichbar stark.

Heimnachteil.

Letztlich könne sich das Spiel auf vertrautem Rasen und vor heimischen Fans auch als Heimnachteil entpuppen: „Versagen unter Druck“. Wenn die Spieler die Angst vor einem Misserfolg aktualisieren und beginnen, über sich selbst nachzudenken, kann es kritisch werden. Ein Gedanke: „Was machen wir, wenn wir verlieren“ sollte erst gar nicht kultiviert werden. Und als Fazit: Wenn man Fehler macht hat das mit heim und auswärts wenig zu tun.

„Beim Balltreten kommt der Mensch schließlich bis an seine Grenzen.
Nein, er muss darüber hinaus… Fußball ist nichts für Weicheier“

 

– Marita Schroeder – The Future Force

© 2017 text by Marita Schroeder