Archiv für den Monat: März 2012

Motivation oder mentale Stärke?

Am 25.Mai 2005 trafen der AC Mailand und der FC Liverpool im Champions-League-Finale aufeinander – eine der fesselndsten Partien in der Geschichte dieses Wettbewerbs, vielleicht sogar die beste aller Zeiten.

Zwar bot das Spiel nicht die fußballerische Glanzleistung, die Real Madrid 1960 bei seinem 7:3 Sieg gegen Eintracht Frankfurt gezeigt hatte, und die Mailändern waren auch technisch so überlegen wie ihr Team von 1994, das den FC Barcelona mit 4:0 vom Platz fegte. Nein, aber zum ersten Mal in einem Europapokalspiel gelang es einer Mannschaft, die in der ersten Halbzeit absolut unterlegen gewesen war, einen Rückstand von drei Toren aufzuholen, sich mit unglaublichem Mut und fast übermenschlicher Ausdauer eine zweite Chance zu erkämpfen und schließlich im Elfmeterschießen den Sieg davonzutragen. Der Welt wurde ein Paradebeispiel für den Siegeswillen eines Teams präsentiert. Liverpool war mental überlegen und nutzte diese psychologische Stärke optimal aus. Dazu brauchten die Engländer allerdings ein wenig Unterstützung. In der Verlängerung war Mailand nämlich wieder zu sich gekommen, so dass Liverpool höchste Gefahr drohte. In der Schlussminute gelang Andrej Schewtschenko ein Kopfball aus kürzester Entfernung, den Liverpools Torwart Jerzy Dudek nur wegfausten konnte, und als Schewtschenko dann die Möglichkeit zum Nachschuss hatte, sah es so aus, als sei Dude bereits geschlagen. Mit einem unheimlichen Reflex schaffte er es aber, den Ball doch noch zu halten. Dass in diesem Augenblick der sicher geglaubte Siegtreffer für Mailind nicht fiel, war ein vernichtender Schlag für die Mannschaft, vor allem für Schewtschenko. Welche Konsequenz dieser Vorfall noch haben sollte, zeigte sich kurze Zeit später, als sich Dudek und Schewtschenko beim alles entscheidenden Elfmeter gegenüber standen.

Geht ein unentschiedenes Spiel ins Elfmeterschießen, so muss der Trainer jene Spieler auswählen, die der Aufgabe gewachsen sind. Außerdem muss er ihnen Selbstvertrauen geben, indem er sie mental auf die bevorstehende Herausforderung vorbereitet. Liverpools Trainer Rafael Benítez war sich über zwei unerfreuliche Tatsachen im Klaren. Liverpool hatte sieben der letzten 15 Elfmeter verschossen, während die Italiener erst zwei Jahre zuvor das  Champions-League-Finale gegen Juventus Turin im Elfmeterschießen gewonnen hatten. AC Mailands Torwart Nelson de Jesus Dida hatte damals drei Elfer gehalten, und da er in wichtigen Begegnungen stets besonders stark spielte, war ihm das durchaus wieder zu zutrauen. Zum Glück wird Benítez nie nervös, sondern strahlt selbst unter dem größten Druck noch Ruhe aus. Kurz vor einem Elfmeterschießen sind reißerische Sprüche nämlich absolut unangebracht, denn die Spieler müssen sich sammeln, um sich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Benítez ist also die Ruhe in Person, wenige Schritte entfernt spielt sich jedoch das absolute Gegenteil ab: Die Fernsehkameras halten fest, wie Jamie Carragher, einer von Liverpools Helden, auf Torwart Dudek einredet. Mit wilden Gesten bläut er Dudek ein, an “Brucie” zu denken. Damit meint er Liverpools ehemaligen Torhüter Bruce Grobbelaar, der im Europapokalfinale von 1984 den Elfmeterschützen des AS Rom durch sein Gezappel auf der Torlinie so nervös gemacht hat, dass dieser verschoss. Dudeks Mine ist ruhig, fast belustigt, doch er hört Carragher aufmerksam zu. In dieser Phase ist er mit sich “im Lot”, seine gerade geglückten phantastischen Paraden haben ihn optimal auf die bevorstehende Aufgabe eingestellt. So etwas geschieht, wenn Sportler sich absolut sicher fühlen und davon überzeugt sind, dass sie das Spiel voll im Griff haben. Psychologische Erregung bedeutet dann eine zusätzliche Motivation. Zum Glück wählt der Trainer Carragher ihn nicht als Elfmeterschützen aus – zwar hätte er seine Mannschaft sicher nicht im Stich gelassen, wenn man ihn gefragt hätte, doch im Gegensatz zu Dudek ist er nicht nur körperlich am Ende, sondern gleichzeitig gefährlich aufgewühlt und damit nicht in der richten Verfassung, um die erforderliche Leistung zu bringen. Auch als Dudek an dem für das Elfmeterschießen ausgewählten Tor, hinter dem hauptsächlich Milan-Anhänger stehen, Mailands Torwart Dida begegnet, offenbart sich sein enormes Selbstvertrauen. Die Fernsehbilder zeigen, dass Dudek gegenüber seinem Torwartkollegen auf jegliche Psychotricks verzichtet – die spart er sich für das Elfmeterschießen und die Schützen auf, die ihm wenig später gegenüber stehen werden. Die Fans sehen also nur zwei Spieler auf dem Feld, die gemeinsam vor der schwersten Prüfung stehen, die es für einen Torwart gibt. Als Mailands Serginho zum ersten Elfmeter antritt, macht Dudek einen entscheidenden Schachzug: Er verlässt die Torlinie und geht zum Elfmeterpunkt, um Serginho etwas zu sagen. Der Schiedsrichter gestattet das natürlich nicht, sondern winkt Dudek zurück, doch der hat mit dieser Aktion dafür gesorgt, dass Serginho ihn wahrnimmt: “Hallo, ich bin’s. Ich habe gerade einen unhaltbaren Schuss eures besten Stürmers pariert, und in wenigen Sekunden geht es um deinen guten Ruf!” Der Torwart begibt sich also zurück auf seine Position, doch als er sich wieder zu Serginho umdreht, liefert er eine außergewöhnliche Darbietung: Er springt wie wild auf der Torlinie herum, noch viel extremer als seinerzeit Grobbelaar, und jede Bewegung ist genau berechnet. Dudek muss seinen Erregungszustand aufrechterhalten, und heftige Bewegungen helfen ihm dabei. Außerdem zeigt er Serginho dadurch, welch großen Teil des Torraums er abdeckt. Die erste Aktion hat den Stürmer bereits verunsichert, und jetzt ist er völlig aus dem Konzept und kann sich nicht mehr konzentrieren. Eigentlich hätte er nur an die bevorstehende Aufgabe denken dürfen: seinen Anlauf, den richtigen Ballkontakt und den Schuss, der ins Netz trifft. Stattdessen muss er sich diese Albernheiten ansehen! Er wirft einen Blick zum Schiedsrichter, aber aus dieser Richtung kommt keine Hilfe. Dudeks Verhalten ist zwar absolut unorthodox, aber nicht regelwidrig. Serginho denkt sich also: “Damit ist jetzt Schluss – ich knalle den Schuss so hart aufs Tor, das er keine Chance hat.”
Und erwartungsgemäß jagt er den Ball meterweit über die Querlatte. Ganz anders sieht es aus, als Dida auf Liverpools ersten Elfmeter wartet. Er steht mitten im Tor, die Hände fast reglos an den Seiten, bis der Stürmer seinen Anlauf fast beendet hat, und unternimmt keinerlei Versuch, eine Diskussion mit den Schützen anzufangen. An Mailands Sieg von 2003 war er maßgeblich beteiligt, doch bei einem der drei Schützen, die er damals halten konnte, hatte er unerlaubterweise zu früh die Torlinie verlassen, und vielleicht bewegt er sich jetzt deshalb kaum. Gegen den Schuss von Didi Hamann ist er jedenfalls machtlos, so dass die Mailänder unter Druck geraten. Noch ist zwar nichts verloren, aber den nächsten Elfmeter müssen sie unbedingt verwandeln, um den Anschluss an Liverpool nicht zu verlieren. Die Spieler, die im Mittelkreis auf ihren Einsatz warten, werden langsam nervös, doch sie müssen alle beunruhigenden Gedanken verdrängen und sich konzentrieren. Der ängstliche Gesichtsausdruck von Andrea Pirlo, Mailands nächstem Schützen zeugt nicht gerade von großem Selbstvertrauen. Bezeichnend auch, dass Dudek mit dem Ball in der Hand auf Pirlo wartet und zum Elfmeterpunkt marschiert, um ihm das Leder zu überreichen. Kann ein Schiedsrichter eine derart höfliche Geste verbieten? Dem Torwart gelingt es damit, sich seinem Gegner körperlich zu nähern, und in dem er ihm den Ball gibt, sagt er im Grunde: Der gehört eigentlich mir, aber du darfst es mal versuchen. Mal sehen, ob du mehr Glück hast als dein Kollege, der gerade verschossen hat. Pirlo wartet nervös, bis Dudek sich umdreht, dann geht die Hampelei auf der Torlinie wieder los. Im Gegensatz zu Serginho zögert Pirlo nicht lange, aber auch er ist ganz offensichtlich aus der Fassung gebracht. Jegliche Konzentration und alles Selbstvertrauen sind verschwunden. Bevor Pirlo den Ball erreicht, verlässt Dudek bereits die Torlinie, und das gibt den Ausschlag: Der Schütze spürt die Bewegung, stockt und bringt nur einen schwachen Schuss zustande, den der Torwart problemlos halten kann. Dieser regelwidrige Elfmeter hätte eigentlich wiederholt werden müssen – und dann wäre Mailand womöglich wieder zurück ins Spiel gekommen. Doch Schiedsrichter Mejuto Gonzalez gibt das Tor; sein Assistent, der als Beobachter an der Seitenauslinie steht, hat ebenfalls keine Einwände Vielleicht hat Dudek mit seiner Show die Offiziellen genauso abgelenkt, so dass niemandem seine unerlaubte Reaktion aufgefallen ist. Mailand ist jetzt in arger Bedrängnis. Liverpools Vorsprung wird zwar etwas kleiner, weil John Arne Riise verschießt, doch als Schewtschenko zu Mailands letztem Elfmeter antritt, ist ihm klar, dass er treffen muss, damit Liverpool überhaupt noch einmal antritt. Auch ihn erwarten Dudeks Einlagen, außerdem ist ihm sicher nur zu gut in Erinnerung, dass er vor wenigen Minuten zwei 100-prozentige Torchancen vergeben hat. Der Torhüter hat seitdem jedoch zwei Bälle gehalten, somit ist sein Selbstvertrauen gigantisch. In der Zeitlupe erkennt man es genau. Dudek vollführt erneut seine “Hallo Kumpel, schön dich zu sehen” – Nummer, aber bevor er den Ball überreicht, macht er einen Schritt zurück, so dass Schewtschenko sich nach dem Leder recken muss. Der Torwart lässt also keinen Zweifel daran, dass er die Sache in der Hand hat. Als er sich umdreht, zeugt seine Miene von höchster Konzentration. Er feuert sich mit self-talk an, um seine Motivation weiter zu steigern, bevor er sich wieder dem Ball zuwendet. Er geht zurück, ohne das Leder aus den Augen zu lassen, dann erst richtet er seine Aufmerksamkeit auf Schewtschenko. Dieser zeigt seine Nervosität, indem er sich zweimal mit den Händen durchs Haar fährt, und vielleicht denkt er gerade daran, wie er in den letzten Minuten der Verlängerung versagt hat. Dann sieht er den Torwart, der wieder wie von Sinnen auf der Torlinie herumtanzt. Die Folge ist der schwächste Elfmeter überhaupt – ausgerechnet von Europas bestem Stürmer, dem Spieler, der nur zwei Jahre zuvor ganz cool den Siegtreffer gegen Juventus Turin erzielt hatte. Dudek muss sich kaum anstrengen und schlägt den Ball, der saft- und kraftlos mitten aufs Tor zufliegt, verächtlich zur Seite…

– Marita Schroeder – The Future Force

2012 text by Marita Schroeder